Schreibcafé 1.10.16 um 10:30-13:30

Was uns trägt?

Wir sind Frauen. Wir wägen genau ab, was wir, oder wann, oder ob, wir es tragen. Sicher befindet sich in jedem Schrank ein Kleidungsstück, das uns trägt, nicht anders herum.
Das wir lieben, niemals weggeben würden, obwohl es zerschlissen, alt und gerissen ist. Für dieses Kleidungstück, manchmal nur ein Schal oder Tuch, bräuchte es vielleicht Mut, aber es gäbe garantiert gleichzeitig Kraft.

Was ist die Geschichte dieses Kleidungsstücks, welche geheimnisvolle Energie umwittert es, warum trägt es uns?

Manchmal ist es auch ein Stück, das verloren gegangen ist, nicht durch uns, sondern den Zufall. Aber als ewiges Kleidungsstück kleidet es unsere Herzen aus, wird weder alt, noch staubig, sondern wartet beständig darauf, dass es endlich seine Geschichte erzählen darf.
Bringt es mit, oder zieht es an, und öffnet Eure Herzen für diese Geschichten.

Dieses Thema ist unser gemeinsames Einstiegsthema. Als Verfechterin des Personellen Schreibens, das ist die Schnittmenge zwischen biografischem und kreativem Schreiben, lässt das Thema Platz für Traumkleider, Wünsche, Veränderungen und lustige Anekdoten!
Im zweiten Teil kann jede an ihrem eigenen Wunschthema oder Fragestellungen arbeiten.
Diese sind mir, wie immer im Vorfeld, mit der Anmeldung zu schicken, damit ich mich auf jede Frau individuell vorbereiten kann.

Lassen wir uns tragen….. ich freue mich auf Euer Kommen. Eure Sabine L1093316

Eine partizipierte Vorfreude

Foto glosse Kunsthaus2Heute, zu spät für den dritten Besuch von Pipilotti und noch 10 Tage zu früh für Akram Zaatari, besuche ich das Kunsthaus Zürich, an einem schnöden Dienstagmittag im Mai.

Die Sonne scheint, die Lücke im Ausstellungskalender im Bewusstsein, flaniere ich zuerst um die stattliche Baugrube des Erweiterungsbaus. Bewundere die Idee mit den witterungsbeständigen Plakaten, die mit Ösen und Schrauben in die linksseitige Bauwand eingelassen sind. Gespannt betrachte ich die anderen zwei Wandreihen. So manche ungewollte Kunst berührt mich. Ein Stück weißes Leinen, das rot geschriebene Wort „Mensch“ und ein Riss. Nichts weiter.

Zwar konkurrieren die Bauwände nicht in ihrer saloppen „Art brut“ mit dem Kunsthaus, aber sie erfrischen. Um ein paar Beispiele zu nennen, eine Abrissbirne erschlägt die Bildung, das japanische Danke als hiesige Lautmalerei, das Matterhorn, Abrisszettel, eine sterile weiße Fläche, sorgfältig überpinselt, wechselt mit rohem Holz, dazwischen zarte Anmutungen von Baselitz und Munch.

Eine Freiluftgalerie für Jeden und von Jedem. Kunst am Bau, ich imaginiere Schulklassen an den Wänden, die ihre Eindrücke nach dem Besuch des Kunsthauses malen, alles würde mit Fotos dokumentiert. Nicht nur die Jüngsten, sondern jeder bekäme beim Eintritt ein Malset und dürfte sich dort für kurze Zeit verewigen. So könnte die lange Bauzeit zu einem fotografischen Gesamtkunstwerk verschmelzen, die Teilhabe der Zürcher und Besucher des Kunsthauses wäre dokumentiert. Eine partizipierte Vorfreude. Beschwingt von meinen Ideen überquere ich den Zebrastreifen und traue meinen Augen nicht: Meine Moore-Skulptur ist weg! Die Frau mit den beachtlichen Schenkeln und dem Loch im Herzen, die mich an frühere Chefinnen erinnert. Entführt, vom Sockel gerissen. Ich höre, dass sie nach Basel tingelte, ob sie wieder an den früheren Platz zurückkommt, sei ungewiss. Auf dem gemütlichen Sofa im Munch-Saal denke ich nach: Kunst als Prozess, nichts bleibt (dort) wie und wo es war. Lücken konstruktiv nützen. Botschaft angekommen und jetzt her mit den Pinseln!

 

Früchte pflücken im Paradies

Foto Kolumne juli 16

Sommerzeit, Ferienzeit, reisen Sie auch gerne und lernen fremde Spezialitäten kennen?

Mit einem kleinen Boot, gelenkt von einem panamaischen Fischer, fuhren wir auf eine menschenleere Insel im maritimen Naturschutzpark Chiriqui im Pazifik. Zwischen Kokospalmen trotzte ein zerzauster Baum mit gelben walnussgrossen Früchten dem Wind, ich streckte mich nach ihnen und konnte fünf pflücken. Unser Bootsmann lächelte und brummte so was ähnliches wie „Lemoncito“, deutete auf seinen Mund und nickte.

Essen ist für mich nicht nur eine Notwendigkeit, nein, ich hungere nach unbekannten Aromen, Früchten und Gewürzen, die ich auf Reisen entdecke. Diese kleine unscheinbare Frucht schmeckte köstlich, wie ein Zwischending aus Apfel und Zitrone. Zwar umhüllte die Schale nur wenig Fruchtfleisch, in der Mitte dominierte ein dicker Kern. Doch gierig durch dieses neue Geschmackserlebnis stopfte ich mir gleich den zweiten meiner fünf geernteten Lemoncito in den Mund. „Pass mal lieber auf“, unterbrach mich mein vernünftiger Partner. Eine Viertelstunde später glühten meine Zunge und mein Gaumen, wie noch niemals zuvor in meinem Leben, ein teuflisches fast lähmendes Brennen, obwohl ich Chilis liebe, gerne richtig scharf esse. Diese hier schienen eine Geheimsorte zu sein: eine Spätzünderchili. Als verkleidete Apfelzitrone verdrehte sie den Kopf, um im Nachgang zu explodieren. Eigentlich hat es Pedro mir gesagt, aber bei Gier sind meine Ohren taub und die Spanischkenntnisse bleiben beim Lebensnotwendigen stecken, bei te quero, vino tinto und Cerveza. Nun habe ich ein neues Wort gelernt : agudo-scharf, und meine These bestätigt: Menschen lernen nur durch den Schmerz. Vielleicht war diese Lemoncito eben der Apfel aus dem Paradies, der nicht gepflückt werden sollte. Aus dem Paradies vertrieben, träumen wir nicht nur von der vorsichtigen Verwendung von Lemoncito.

 

Ade, Markus Werner, Trauer in mir

Markus Werner Widmung

2011 korrespondierten Markus Werner und ich miteinander, weil ich ihn für meine Masterarbeit interviewen wollte. In einer persönlichen Mail schrieb Markus Werner:“Ihre biografischen Andeutungen sind sehr spannend und zeugen von einer nicht alltäglichen, innere Beweglichkeit voraussetzenden Lebensführung. Ebenso interessant sind Ihre Anmerkungen zum Studienthema.“ Mein Thema war: „Klarheit und Stärke“ Pennebaker als Selbsthilfetechnik. Ein Vergleich zwischen professionellen und nichtprofessionellen Autoren (aus Datenschutz nicht publiziert)am hang