Einwurf Stadtanzeiger Winterthur vom 5.1.17

Neues Jahr, neues Glück

„Du, ich habe einen tollen Mann kennengelernt“, Luise ist 30, ihr Gesicht leuchtet.

„ Ein Mac Dreamy, 1,85 gross, keine Altlasten“, (damit sind Kinder und Ehefrauen gemeint) und sie fährt fort: „Mit ihm könnte ich mir eine Zukunft vorstellen, er mag sogar Kinder.“ Ihr Blick verschleiert sich, ich sehe, wie sie in Gedanken schon die Hochzeitskutsche besteigt.

„ Aha“, nach einer kurzen Pause werfe ich meine Erfahrung und Neugier in die Diskussion ein: „Luise, erzähle, wie ist der Kusstest ausgefallen?“

„Also, höre mal, ich knutsche doch nicht beim ersten Kennenlernen rum.“

„ Ach so. Das war in meiner Jugend anders. Da knutschte man rum, vielleicht ergab sich eine Zukunft, wenn nicht, dann hatte man wenigstens Spass gehabt.“

Empört schüttelt Luise ihre wilden Locken.

Tage später sehen wir uns wieder.

„Und, was gibt’s Neues von deinem Mc Dreamy?“

Bambi, nach dem Verlust der Mama, blickt mich an: „Ich habe ihn geküsst“.

„Und?“

„ Ich bekam Hühnerhaut, aber nicht vor Vergnügen.“

„ Aber das Küssen kann eine geduldige Lehrerin beibringen.“

Sie schüttelt heftig ihre Locken. „ Mag sein, aber nicht ihm.“

Tja, der Körper ist unser Chef und beim Küssen erst recht.

 

Zuversicht am 3.11.16

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Zuversicht

Bunte Blätter fallen, der Nebel kriecht in Krägen und zwingt uns die Schultern zusammen zu ziehen. Wir stechen uns an den Grabgestecken die Finger wund und gedenken. Sprachforscher betonen, wie wir über Sprache unsere Stimmung beeinflussen können.

„Nicht fröhlich“, klingt für unser Hirn positiver und wirkt sich besser aus als „traurig“. Genauso hilft es die Laune zu steigern, wenn man lächelt, was bei dunklen Tagen nicht leicht fällt.

Im August bin ich Vollwaise geworden. Mein Vater erzählte gerne Fremden gegenüber Geschichten mit Augenzwinkern: „Ich bin Vollwaise“, behauptete er. Wenn er die bestürzte Mimik der Zuhörer sah, lachte er: „aber erst als Opa“.

Mit 67 Jahren bekam er Darmkrebs und hatte schon eine Lebermetastase. Deshalb bekam er einen künstlichen Darmausgang und Urinkatheter. „Für mich könnten sie alle Toiletten der Welt zumauern“. Er betrachtete seine Einschränkung als Unabhängigkeit. „Meinen Krebs haben sie weggeschnitten, ich bin gesund“. Nur einmal im Jahr ging er zur Kontrolle des Tumormarkers. Erst mit 86 starb er, in seinem eigenen Bett, daheim. Mutter wollte lieber bei ihm als bei uns Lebenden sein, nur logisch nach 68 Jahren als Liebespaar. Und ich spüre, wie gut es mir tut, an sie zu denken. Mit einem Lächeln, weil wir sie lange hatten, nicht mit dem Gefühl des Verlustes. Zuversicht, ein Wort, das lächelt. Vielleicht lächeln Sie mit.

Ihre Sabine Meisel